05.06.2018 Gedanken zum Ortstermin in Nebelschütz

Eine Perspektive aus der Oberlausitz.

Wer erleben und erfahren möchte, was in einer Gemeinde alles gehen, wie sie sich gemeinwohlorientiert entfalten kann, wenn die Menschen ihr kommunalpolitisches Kartenblatt nur geschickt ausspielen, dem sei ein Besuch in der Oberlausitzer Gemeinde Nebelschütz empfohlen. Dortiger Profi des Kartenspiels ist Bürgermeister Thomas Zschornak. Dieser wiederum sieht sich als Meisterschüler von Johannes Heimrath, auf den Zschornak nach eigenen Worten durch eine Dokumentation im Fernsehsender Arte aufmerksam wurde.

Nebelschütz ist eine Sorbengemeinde. Das Sorbische ist der Kitt, der kleinste Nenner, der die Gemeinschaft verbindet. Beim durchreisenden Besucher ethnisch-deutscher Herkunft erweckt das bisweilen unbestimmte, komische Gefühle. Die kann man ruhig zulassen, denn man wird nicht ausgeschlossen, sondern das Miteinander fühlt sich „gesund“ an. So hätte die Gemeinde z.B. gerne Flüchtlinge aufgenommen; Unterkünfte waren schon bereitet aber sie wurden anders verteilt. Die Gemeinschaft lebt jetzt ohne diese Erfahrung. Aber dafür hat sie in der Vergangenheit schon so viele eigene gesammelt, denn der Weg der Nebelschützer von der Wende und dem Zusammenbruch der DDR bis heute ist ein weiter gewesen.

Mit vielen Höhen und Tiefen. Von einer Gemeinde, die durch den Zusammenbruch der wirtschaftlichen Strukturen nach der Wende und dem Wegzug ihrer aktivsten und jüngsten Mitbewohner auszubluten drohte, hin zu einer Gemeinde mit Zuzug, Gemeindeeinnahmen durch „grünen“ Strom, Gewerbegebiete, Kindergarten, bald Grundschule, sozialen Wohnungsbau und Arbeitsplätzen, gemeinsamen großen und kleinen Festen die das schon sonst lebendige Gemeindeleben noch weiter festigen.

Als zu Wendezeiten viele Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden, packte man in der Gemeinde Nebelschütz kräftig zu. Es wurde nach Förderung gesucht um Menschen sinnerfüllend zu unterstützen. So wurden z.B. über AGMs wurden lokale Fachkräfte in die Gemeindesanierung Eingebungen. Zu dieser Zeit wurden alte, historische Gebäude - eins davon nun eine einfache Unterkunft für Gruppen auf dem Pilgerweg nach Compostela - restauriert und Bauruinen recycelt, nicht einfach weggerissen und entsorgt. So wurde das Baumateriallager der Gemeinde gefüllt. Hier lagern nun für zukünftige Arbeiten an alten Gebäuden „Originale“ ein. Von der Türzarge über Fenster, Dachgebälk und Ziegel hin zu guten alten Mauerstein.

Die DDR typischen Jugendclubs wurden als Jugendbegegnungsstätten in allen der 5 Gemeinden erhalten und sind integraler Bestandteil der Dorfgemeinschaften. So ist die Jugend immer ein fester Teil in Gemeindeaktivitäten, lässt sich gerne einbinden und ist für alle „auffindbar“.
Vereins Leben steht nicht nur als Worthülse im Mittelpunkt sondern auch real! Kommt man nach Nebelschütz ist neben dem Gemeindezentrum der Sportplatz. Hier Läuft Mann/Frau sich über den Weg alles ist Bürgernah und hat kurze Wege nicht nur im Wortsinn. Zusätzlich nimmt jeder an Missgeschick und Erfolg der Sportler teil.

Wie eine Gemeinde und einem klugen Bürgermeister aus „Altlasten“ etwas Erstaunliches machen lasst sich schön am alten Steinbruch darstellen. Da war ein Steinbruch der aufgegeben wurde. Die Gemeinde sicherte sich ein Erstkaufsrecht, ließ umweltbelastende Altlasten vom ehemaligen Besitzer noch entsorgen und startete ein Kunstprojekt. Die schon gebrochenen Steine wurden nicht zu Straßenschotter verarbeitet sondern für Künstler bei einem ersten Steinmetzkünstler Festival frei gegeben. Ein riesen Event mit vielen hinterlassenen Skulpturen. Einige dieser Skulpturen wurden in der Bruchgrube belassen. Diese füllte sich mit Wasser und hat nun einen Wasserstand von beinahe 30m tiefe. Diese Skulpturen werden immer noch gewürdigt und angesehen, nein sie ragen nicht aus dem Wasser.

Eine Tauchschule mietet nun das Gelände und so werden die Kunstwerke als Orientierungspunkt und zu einer Aqua-Vernissage für Taucher. Wieder hat sich eine ungewöhnliche Einnahmequelle für die Gemeinde erschlossen! Das Skulpturen Festival hat sich inzwischen etabliert. Vom ursprünglich jährlichen Event ist man nun auf einen zweijährigen Rhythmus gewechselt. Die enormen Teilnehmerzahlen sprengen die Kapazitäten der Gemeinde für ein jährliches Ereignis. Nun wird der kluge Rechner sagen, „…wenn das so gut läuft, warum dann nicht fremd vergeben…“

Bürgermeister Zschornak winkt ab. Sinngemäß sagt er, sobald hier ein kommerzieller Anbieter übernimmt, dann wird sich am Profit orientiert und das Gemeindewohl werden sogleich in den Hintergrund gedrängt. Im Großen kennt das jeder. Wenn Betriebe fusionieren oder gekauft werden wird an den allgemeinen Kosten und an lang ausgehandelten, der Belegschaft entgegenkommenden Betriebsvereinbarungen sehr schnell gestrichen. Gemeinde ist Gemeinwesen dessen Gemeinwohl im Mittelpunkt steht. Profit spielt eine untergeordnete Rolle was ja nicht heißt hier geprasst wird sondern sinnvoll in eine enkeltaugliche Zukunft investiert wird.

Apropos weite Wege. Das Nebelschützer Wegenetz, das die fünf Dörfer der Gemeinde untereinander verbindet, ist ein hübsches, anschauliches Beispiel dafür, was intaktes Dorfleben konkret bedeutet – und wie weit die Nebelschützer es in den vergangenen drei Jahrzehnten geschafft haben. Ende der 80er Jahre waren die fünf Dörfer infolge einer ohne Rücksicht auf die Natur betriebenen Landwirtschaft nicht mehr miteinander verbunden. Das ist ganz wörtlich zu nehmen. Die Verbindungsfußwege fielen der LPG-Landwirtschaft zum Opfer, sie wurden schlicht „untergepflügt“. Die Nachfolgegesellschaft der LPG gab nach geschicktem Verhandeln Flächen wieder frei, neue Wege wurden angelegt.

Doch was ist nun so wichtig an Gehwegen?

Die Nebelschützer Vision ist gemeinwesenorientiert, die Gemeinde sind die Menschen, die dort auf diesem Stück Erde wohnen. Hier kommt der Gehweg ins Spiel. Wenn sich Dorfnachbarn nicht mehr zu Fuß begegnen können, ihnen im Wortsinn der Weg verbaut wird und damit die Kommunikation erschlafft, ist das bedenklich. Wer übernimmt dann Verantwortung für das Stück Erde, auf dem die Gemeinde steht und geht? Wer entwickelt Visionen für dieses Fleckchen Erde, wenn es nicht mehr begehbar, nur noch mit dem Trecker befahrbar ist? Was passiert mit den Menschen wenn Face-to-Face- zu Facebook Beziehungen werden?

Mit dem Interesse an dem Anderen, dem Gegenüber, wächst das Interesse an Mitsprache, Mitgestaltung und Mitverantwortung. Dass aus diesem direkten Miteinander sich so viel Dinge materialisieren lassen ist dann beinahe, auch wenn man staunend davorsteht, kein Wunder mehr. Gute Menschen ziehen gute Menschen nach sich.

Wenn heute jemand nach Nebelschütz ziehen möchte, dann bestimmt nicht, weil er ein ausschließlich ruhiges Leben auf dem Land sucht. Mitmachen und ruhiges Leben schließen sich nicht aus: Wer mitmischen will und gleichzeitig an einer Vision für sich seine Kinder und deren Kinder arbeiten und Verantwortung tragen will, ist hier richtig. Thomas Zschornak nennt das „enkeltauglich“ und hat das abstrakte „nachhaltig“ damit in seinem Wortschatz ersetzt und ihm einen griffigen Sinn gegeben.

Ich könnte jetzt noch weiterschreiben. Aber seht es euch doch selbst an, denn es ist ja
kein Utopia! In Nebelschütz wird gestritten und um den Konsens gerungen, um ein Dorf enkeltauglich, aber auch zusätzlich immer ökologischer zu machen. Das schließt Nutzungskonflikte um Land und Ressourcen nicht aus. Denn das eine wird ohne das andere nicht gelingen. Da ist die Nachfolgegesellschaft der ehem. LPG. Sie betreibt konventioneller Industrielandwirtschaft. Geleichzeitig Arbeitgeber einiger Gemeindemitglieder und dadurch der Träger von familiären Wohlstand einiger Gemeindemitglieder. Die Gemeindeverwaltung sucht den Weg der Überzeugung. Gemeindeländereien sind an einem jungen Biobauern verpachtet. Seine Produkte werden unter anderem im Dorfladen verkauft. So entstehen durch das Marketing und den Verkauf der Biobauernprodukte ebenfalls Arbeitsplätze. Durch die andere Art der Landwirtschaft sieht man mittlerweile hier und da, dass bei langem Regenfall weniger Feld oder gar Wege unter Wasser stehen.

Der Mensch ist oft recht ideenlos, wenn es um neue Formen des Zusammenlebens geht. Es braucht Modelle, Blaupausen um überzeugt zu werden. Diese Wege traut man sich in Nebelschütz zu gehen und wird dadurch überzeugend. Das belächelt werden zu Anfang nimmt wahrscheinlich inzwischen jeder gerne in Kauf denn der Erfolg gibt den Nebelschützern allemal recht!

Bernd Schultheiß

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