12.11.2017 Gastbeitrag: Eine Erfolgsgeschichte aus der Lausitz

Nebelschütz lebt den Wandel. Ein schönes Beispiel für die praktische Gestaltung der "neuen Lausitz".

Nebelschütz ist vom Himmel geküsst – herzlich, ökologisch, kreativ, sorbisch. Eine Erfolgsstory aus der Euroregion. Im Rahmen des EU-Projekts „Smart Integration“, welches aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung im Rahmen des Kooperationsprogamms INTERREG Polen-Sachsen 2014-2020 finanziert wird, werden Best-Practice-Beispiele für die Entwicklung im ländlichen Raum vorgestellt. Leadpartner ist das Sächsische Staatsministerium des Inneren, Projektpartner auf polnischer Seite sind das Marschallamt der Woiwodschaft Niederschlesien und das Institut für territoriale Entwicklung der Woiwodschaft Niederschlesien.

Das Projekt möchte zu einer positiven Wahrnehmung des Fördergebiets und einer gesteigerten Identifizierung der Bevölkerung mit der Euroregion beitragen. In diesem Sinne soll die regionale Identität grenzübergreifend gefördert werden.

Am 15.09.2017 wurde für polnische Projektteilnehmer aus grenznahen Gemeinden in der Woiwodschaft Niederschlesien das Dorf Nebelschütz (Njebjelčicy) und seine Entwicklung vorgestellt. Vom Bürgermeister Thomas Zschornak wurde die Euroregion eingeladen, um den Kleinprojektefonds für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit kurz vorzustellen und mit potentiellen Initiatoren von Kleiprojekten ins Gespräch zu kommen.

Nebelschütz hat die Trendwende geschafft

Das Dorf Nebelschütz liegt im katholischen sorbischen Kernsiedlungsgebiet zwischen Kamenz, Bautzen und Hoyerswerda. Als eigenständige Gemeinde mit 1250 Einwohnern gehört es zum Verwaltungsverband „Am Klosterwasser“, der 5 sorbische Gemeinden vereint. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Lessing-Stadt Kamenz, 20 Km von der Hauptstadt der Sorben Bautzen (Budyšin) und nur 30 Auto-Minuten von der Landeshauptstadt Dresden entfernt, profitiert Nebelschütz von seiner geographischen Lage. Infolge der Wendezeit sah sich die Region mit einer hohen Arbeitslosenquote von bis zu 20%, der Abwanderung v.a. junger, gut ausgebildeter Menschen in die westlichen Bundesländer und eines starken Geburtenrückgangs konfrontiert. Die ungünstige demographische Entwicklung führte im sorbischen Kernsiedlungsgebiet zur Schließung mehrerer Mittel- und Grundschulen. Auch die sorbische Identität und die Sprachkompetenzen scheinen gerade bei der jungen Bevölkerung stark abzunehmen. Nebelschütz hat es durch mutige Entscheidungen geschafft, sich dieser Entwicklung erfolgreich entgegen zu stemmen. Statt 3 Geburten pro Jahr in den 1990iger Jahren und starken Abwanderungsbewegungen liegt die Geburtenrate heute wieder im Schnitt bei 15 Geburten pro Jahr und statt Abwanderung profitiert die Gemeinde von Zuzug bzw. Rückkehr sorbischer Familien in ihre Heimat. Nach dem KITA-Neubau gibt es auch Zukunftsvisionen für eine sorbische Grundschule in freier Trägerschaft.

Nebelschütz als eigene Marke

Im sorbischen Namen Njebjelčicy steckt das Wort „Njebjo“, das für „Himmel“ steht. Nebelschütz hat im Eigenmarketing daraus eine eigene Marke geschaffen: „Nebelschütz, vom Himmel geküsst.“

Im Mittelpunkt der Außendarstellung von Nebelschütz steht der Krabat-Mythos. Neben Krabat-Verein, Krabat-Radwanderweg, Krabat-Fest will Nebelschütz auch eine Krabat-Marke für ökologische Landwirtschaft schaffen. Regionale Produkte sollen ein Krabat-Qualitätssiegel erhalten.

Bewahrung der eigenen Identität und Nachhaltigkeit

Jedes Dorf soll seinen eigenen Charakter bewahren. Im Mittelpunkt steht die Erhaltung der sorbischen Sprache und Kultur. Bau- und Gestaltungsweise werden in der Gemeindesatzung vorgegeben. Im Mittelpunkt der Gemeindeentwicklung steht Nachhaltigkeit. Alte Baumaterialien aus Abrissbauten werden z. B. in einem Bau- und Recyclinghof aufbewahrt und zur Wiederverwendung aufbereitet. Bestes Beispiel ist der sanierte Sitzungs- und Konferenzraum im Gemeindezentrum, wo über 100 Jahre alte Dielen wiederverwendet wurden. Eine ehemalige große Scheune wurde zusammen mit einem Privatinvestor als Handwerkshof umgebaut, um ein lebendiges Zentrum der Gemeinde zu erhalten. In Nebelschütz wird regionale Sauenzuchtanlage betrieben, wobei der Schlachthof und die Anlage zur Herstellung von Biogas verbunden sind. Der Energiepark „Am Krabatstein“ ist Teil einer ökologisch orientierten Gewerbeansiedlung. Die Gemeinde produziert 3-Mal mehr Energie durch Nutzung von Solarenergie, Biogas und Windkraft als sie selbst verbraucht.

Internationalität als Chance

Die Gemeinde pflegt Partnerschaften in Deutschland, Polen, Tschechien, Ungarn und sogar auf dem afrikanischen Kontinent. Dabei soll die internationale Wahrnehmung der Sorben und ihrer Anliegen gestärkt werden. 2008 wurden die Bemühungen von Nebelschütz mit dem europäischen Dorferneuerungspreis gekrönt. 2012 fand die Europeada – die Fußball-Europameisterschaft der sprachlichen (autochthonen) Minderheiten statt. Das Eröffnungsspiel war in Nebelschütz. Nebelschütz ist auch als Initiator für deutsch-tschechische und polnisch-sächsische Begegnungsprojekte ein wichtiger Partner des Euroregion Neisse e. V.‘s.

Autor:
Jan Schönfelder
Projektkoordinator Kleinprojektefonds PL-SN
Koordynator projektu Funduszu Małych Projektów PL-SN
Euroregion Neisse e.V.

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