Die Räume öffnen und Menschen zur Verfügung stellen - KoLABORacja in Görlitz ist weit mehr als ein klassischer Coworking-Space | 14.05.2019 | Antje Preuschoff

Ab von der Norm - neues Arbeiten im KoLABOR

Sieben Akademikerinnen wollten nicht mehr nur von zuhause aus arbeiten. Sie schlossen sich zusammen und gründeten den Verein KoLABORacja e.V. und eröffneten das Kolabor. Es begann als gemeinschaftlicher Arbeitsraum im Herzen von Görlitz. Mittlerweile hat das Projekt zivilgesellschaftliches Potenzial entfaltet.

Sie sind erstaunt darüber, welch öffentliches Interesse ihr Projekt ausgelöst hat: Julia Gabler und Merte Stork wirken im Gespräch fast irritiert über die Aufmerksamkeit, die KoLABORacja aktuell zuteil wird. Die zwei haben 2016 gemeinsam mit fünf weiteren Frauen den gleichnamigen Coworking-Space in Görlitz auf den Weg gebracht. An der Hospitalstraße 29, also mitten im Zentrum, haben sie Räume mit Schreibtischen, Stühlen, technischem Equipment, Sitzungsgelegenheit und einer kleinen Küche eingerichtet. KoLABORacja – gemischt aus dem Lateinischen und Polnischen – steht dabei für gemeinschaftliches Arbeiten.

Die sieben Gründerinnen haben sich aus der gleichen Motivation heraus gefunden. Sie waren alle auf die ein oder andere Art freiberuflich tätig. Und sie wollten – lapidar gesagt – nicht mehr zu Hause im eigenen Saft schmoren. „Es war eine Freude, sich zu treffen“, findet Julia Gabler. Denn auf die Art konnten die Frauen sich nicht nur die Kosten für einen Arbeitsplatz teilen, sondern sich auch austauschen. „Wir konnten nicht nur in den Arbeitsmodus kommen, sondern auch Input erhalten“, drückt es Merte Stork aus.

Aus Sicht der Sozialwissenschaftlerin Julia Gabler leidet die Region unter der Angst, dass „die guten Leute weggehen“. Auch bei ihr sei der Gedanke wegzuziehen durchaus latent vorhanden gewesen. Doch die hochqualifizierten Frauen entschieden sich anders: „Wir wollen hier leben, also müssen wir jetzt gestalten“, beschreibt Julia Gabler ihre Flucht nach vorn.

Weil die sieben Frauen selten zeitgleich im KoLABORacja sind, konnte der Raum auch als Coworking-Space installiert werden. Der Mietpreis ist gering. Die Frauen wollen damit ihre Kosten decken. Eine ökonomische Idee sei KoLABORacja nicht, so Merte Stork. Stattdessen habe der Raum eine Wirkkraft für gesellschaftspolitische Prozesse entfaltet. Das wird auch dadurch bedingt, dass sich die Gründerinnen selbst in verschiedenen Projekten engagieren. Wie etwa bei „Stadt auf Probe“, wo junge Kreative für vier Wochen kostenfrei Mietwohnung und Arbeitsplatz gestellt wird, um Görlitz für sich auszuprobieren. Oder auch beim „Frauen.Wahl.Lokal“ Oberlausitz. Ziel dieses Kooperationsprojektes ist es, Frauen dafür zu begeistern, sich für kommunale Mandate aufzustellen.

Die Einmischung der Kolaborantinnen entfaltet eine besondere Strahlkraft. „Das Kolabor ist ein Ort für qualifizierte Frauenthemen in der Region geworden“, ist sich Merte Stork sicher. Doch sogenannte Männerthemen sind deswegen an der Hospitalstraße 29 nicht ausgeschlossen. Gruppen können die Räume für ihre Treffen und Veranstaltungen nutzen. „Wir möchten einen zivilgesellschaftlichen, öffentlichen Reflexionsraum bieten“, sagt Julia Gabler. Sie versteht KoLABORacja als Dienstleister für die Zivilgesellschaft. Service ist es, Austauschmöglichkeiten, aber auch Workshops und Informationsangebote zu schaffen.

„Die Workshopangebote sind für die Qualifizierung so wichtig“, betont Merte Stork. Denn Informationen zu Datenschutz oder Steuer seien für Freiberufler oder Kleinunternehmern essentiell, wenn sie sich etwas in der Stadt aufbauen wollen.
Merte Stork sieht in KoLABORacja ein „Zukunftsmodell leerlaufender Innenstädte“. Sie sagt: „Wenn sie wollen, dass hier Leute unterwegs sind, ist es das Beste, Räume zu öffnen und Menschen zur Verfügung zu stellen. Und nicht nur auf den Einzelhandel zu hoffen.“

„Wir haben weiche Standortentwicklung gemacht“, stimmt Julia Gabler zu. Sie plädiert für die Zukunft im ländlichen Raum dafür, „Themen jenseits wirtschaftspolitischer Maßnahmen ernster zu nehmen und finanziell zu untermauern“.

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