Horte werden noch verkannt - Bei „So aktiv“ werden Grundschüler in alle Aktivitäten und Planungen mit einbezogen | 01.08.2019 | Antje Preuschoff

Ein Hort in Lübbenau, der es anders macht

Selbstständigkeit und Selbstsicherheit: Im Hort „So aktiv“ lernen Grundschüler, im Alltag zu bestehen. Das Konzept der Einrichtung ist eine Reaktion auf die geänderten Lebensbedingungen junger Familien in Lübbenau. Mit einem besonderen Projekt beziehen die Verantwortlichen auch die ältere Generation mit ein.

Ein Ei braten, einen Knopf annähen können oder allein von A nach B kommen – das ist es, was die Sechs- bis Zwölfjährigen im Hort „So aktiv“ in Lübbenau lernen. „Wenn die Hortzeit vorbei ist, sollen die Kinder sagen: ,Jetzt bin ich so weit, dass ich den Hort nicht mehr brauche´“, macht Leiterin Kathrin Müller klar. Denn in der Einrichtung geht es um die Selbständigkeit und Selbstsicherheit der Grundschüler.

Dafür wird im Hort in der Werner-Seelenbinder-Grundschule einiges getan. „Wir arbeiten nach dem Konzept der so genannten großen Kinder“, erklärt Kathrin Müller. Es beschreibe die Kinder, wie sie seien und „es zeichnet uns aus, dass wir sie so betreuen“. Die Pädagogen verstehen sich nicht als Erzieher, sondern als Wegbegleiter und Ratgeber. Sie geben Verlässlichkeit und ermutigen die Kinder. Ziel ist es, dass diese durch Eigeninitiative Zutrauen in ihre wachsenden Fähigkeiten gewinnen.

Der Hort „So aktiv“, eingebettet in das Wohnquartier Otto-Grotewohl-Straße, reagiert mit seinem Konzept auf veränderte Lebensumstände in der Lausitz. „Die Großfamilie fällt weg. Wer Arbeit hat, ist stark eingespannt, weil er nach Berlin oder Dresden pendeln muss“, sagt Kathrin Müller. Die Kinder seien stärker auf sich selbst gestellt als früher. Also sollen sie „lernen, mit der Realität umzugehen“, ergänzt die Hortleiterin. Die Grundschüler werden an allem beteiligt. Sie können die Räume mitgestalten. Sie können sich Inhalte wünschen. Sie leiten sogar selbst Arbeitsgruppen an.

„Man staunt, was die Kinder auf die Beine stellen“, berichtet Kathrin Müller. Bestes Beispiel dafür ist die Kooperation zwischen dem Hort und der Tagespflegestation des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Das Projekt „Zwischen Jung und Alt“ besteht seit drei Jahren. 2018 ist es von der Kinderhilfsorganisation „Children for a better world“ ausgezeichnet worden. Mindestens einmal im Monat treffen sich die Grundschüler hier mit „ihren Altenheimern“, wie sie die Senioren liebevoll nennen. Die Generationen tauschen sich aus. Sie pflegen gemeinsame Aktivitäten. Das basiert auf einem Konzept, das die Grundschüler mit erarbeitet, und einem Vertrag, den sie mit unterschrieben haben.

Mit dem Projekt reagiert der Hort ebenfalls auf Landflucht und Abwanderung. Ältere bleiben ohne die jüngeren Teile der Familie zurück. Sie leben weitaus isolierter als früher. Der Austausch zwischen Jung und Alt findet kaum mehr statt. Dem wirkt die Kooperationsvereinbarung entgegen. Sie ermöglicht so ganz neue Begegnungen. Etwa beim Rollstuhlfahrerwettbewerb, wo die Hortkinder die Senioren in Windeseile über den Schulhof schieben. Oder beim Fasching, bei dem gemeinsames Verkleiden angesagt ist. Oder beim „Seniorencafé“, das die Kinder jedes halbe Jahr im Hort ausrichten. Das Konzept soll zeitnah, wenn es nach Kathrin Müller geht, auch auf andere Ältere in Lübbenau ausgeweitet werden.

Die Leiterin lobt die Stadt, die auch Träger des Hortes ist, ausdrücklich für ihre Investitionen in die Lebensqualität. „Lübbenau ist für Familien richtig toll“, sagt sie. Es werde viel dafür getan, Familien zurückzuholen, zu halten und der Abwanderung zu begegnen. „Es wird viel [staatliches Geld] Geld in Kitas und Horte gesteckt, die Wohnbedingungen sind gut, die Außenanlagen attraktiv, es gibt keine Schmutzecken“, zählt Kathrin Müller auf.

Sie selbst hat auch schon Ideen, wie sie den Hort in diesem Umfeld weiterentwickeln kann. Fest geplant ist eine Naturbaustelle auf dem Schulhofgelände. Sie wird gestaltet mit Teich, Insektenhotel, Totholzecken und mehr. Hier sollen sich die Kinder mit Fragen, wie „Wie zerkleinere ich Holz?“ oder „Wie mache ich Feuer?“ auseinandersetzen. „Wir wollen den Kindern das Leben vermitteln“, sagt Kathrin Müller. Wobei sich der Kreis rund um Selbstsicherheit und Selbständigkeit der Kinder wieder schließt.

„Horte werden noch verkannt“, findet Kathrin Müller in diesem Zusammenhang. Denn es gehe hier nicht primär um Hausaufgabenerledigung. Es ginge um Kompetenzstärkung der Kinder. Es sei gerade in der mittleren Lebensphase der jungen Menschen wichtig, sie zum eigenständigen Leben zu befähigen. Insbesondere in einer Region, die auch mit dem Braunkohleausstieg weiterhin vor Herausforderungen rund um das Leben junger Familien stehen wird. Auf „große Kinder“ kommt es da ganz besonders an.

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