Das Thema ist im Kommen - Jungunternehmen „Native Foods“ entwickelt Snacks aus Insektenmehl | 17.05.2019 | Antje Preuschoff

Ernährungstrends: Insektenwirtschaft hat viel Potenzial

In diesen Snacks ist der Wurm drin. Wortwörtlich. Denn die Holi-Cracker von Native Foods bestehen unter anderem aus Buffalowurmmehl. In der Insektenwirtschaft sehen die Jungunternehmer viel Potenzial – auch für den ländlichen Raum Ostdeutschlands.

„Insekten als Nahrungsmittel war immer die Idee“, sagt Camilo Wilisch. Er ist einer der drei Gründer von Native Foods. Das junge Unternehmen bringt seit Januar 2019 seine Holi-Cracker aus Insektenmehl auf den Markt. Gebürtig aus Kolumbien, ist der jetzige Berliner früh mit Insekten als Nahrungsmittel konfrontiert worden. Als Kind hat er häufiger geröstete Blattschneiderameisen verzehrt. „Die konnte man dort als Snack auf der Straße kaufen.“

Das Thema hat den 33-Jährigen auch in Deutschland und während des Studiums nie losgelassen. Während eines Auslandssemesters in den Niederlanden stellte er endgültig fest: „Insekten sind sehr nahrhafte Lebewesen.“ Sie sind besonders reich an Proteinen, Vitaminen sowie Mineralstoffen. Für Wilisch bergen sie ein „riesiges Potenzial als Nahrungsmittel“.

Dass auch andere so denken, merkte er zunächst bei der Gründerwerkstatt „Lokalhelden“. Dort arbeitete er als Bundesfreiwilligendienstler. Ziel des „Lokalhelden“-Programms ist die Förderung junger Menschen im ländlichen Raum Ostdeutschlands. Hier wird ihnen das Rüstzeug mitgegeben, um sich an eine Existenzgründung zu wagen. Die schwebte Wilisch erst mit einer Bekannten aus dem dortigen Netzwerk vor. Doch seine Partner fand er letztendlich auf anderem Wege.

„Mitte 2018 hat Sebastian zu einem Kochabend für Insektenliebhaber in seiner Küche in Berlin eingeladen“, berichtet Wilisch. Neben dem Einladenden Sebastian Kreßner saß dort auch Tobias Heß mit am Tisch. „Nach dem Abendessen war vor dem Abendessen – wir fanden zusammen“, sagt Wilisch. Sie gründeten Native Foods.

„Bei all den Regularien, die bei der Zulassung neuer Nahrungsmittel durchlaufen werden müssen, kamen wir ganz schön ins Schwitzen. Schließlich hat die EU erst im Januar 2018 die Möglichkeit geschaffen, Insekten europaweit überhaupt als Nahrungsmittel anerkennen zu lassen“, heißt es auf der Internetseite der Firma. „Es folgten wochenlange Recherchearbeiten, Lieferantensuche und – nicht zu vergessen – die Produktentwicklung“.
Wir waren uns einig, Snacks wie Cracker zu machen, erinnert sich Wilisch. Nicht zuletzt, weil die Drei mit Insektenmehl arbeiten wollten. „Wir glauben, dass Insekten eher gegessen werden, wenn sie nicht gesehen werden“, sagt Wilisch. Dabei ginge es nicht darum, die Tierchen zu verstecken. „Wir wollen ihnen nur eine andere Form geben“, betont er.

Also experimentierte das Team in der heimischen Küche an leckeren Snacks. Wilisch erinnert sich: „Insektenprodukte müssen gut schmecken. Denn wenn der erste Eindruck schlecht ist, ist es schwieriger, dass ich mit dem Produkt überzeuge.“ Irgendwann passten ihnen Rezept und Ergebnis dann zusammen. Mit Protoyp und Zutaten suchten sie eine Bäckerei, die den Cracker in Masse produzieren konnte.

Bei Johann Mayer in Schöneberg wurde Native Foods fündig. Und nur wenig später konnten die drei ihre Produkte auf Einladung der Gründerwerkstatt „Lokalhelden“ bei der „Internationalen Grünen Woche“ in Berlin präsentieren. Dort waren sie nicht die einzigen Anbieter von Lebensmitteln aus Insekten. An vier weitere Unternehmen erinnert sich Wilisch. Zeichen eines neuen Ernährungstrends?

„Wir müssen unsere Produktionssysteme umdenken“, findet Wilisch. Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung mit steigendem Protein-Bedarf reiche Fleisch allein nicht mehr aus. Denn landwirtschaftliche Nutzfläche wird rar. Auch Soja sei nicht die perfekte Alternative, meint der Jungunternehmer. Es werde vorrangig importiert und wirke sich damit negativ auf die Energiebilanz aus. Würmer brauchen Studien zufolge deutlich weniger Futter als Rinder. Sie erzeugten weniger Treibhausgase und benötigen viel weniger Fläche. „Insekten sind eine der Alternativen, den Proteinbedarf zu decken und Lücken zu schließen“, ist sich der Native-Foods-Mitbegründer sicher.

Das Start-Up versteht seinen Holi-Cracker als perfekten Snack beim Sport oder bei einem anstrengenden Tag im Büro. Bisher werden die Cracker online, zum Beispiel an Coworking-Spaces, oder auch direkt an Kletterhallen vertrieben. Doch der Vertrieb soll auf den Einzelhandel ausgeweitet werden. Außerdem feilt das Team an neuen Produkten wie Tortillachips.

Auf Dauer macht die Unternehmenserweiterung neue Produktionsorten notwendig. Denn bei der Berliner Bäckerei werden irgendwann die Kapazitäten ausgeschöpft sein. „Wir könnten uns auch eine Produktion in der Lausitz vorstellen“, berichtet Wilisch. Dafür habe Native Foods schon verschiedene Bäckereien, etwa in Burg oder Vetschau, angeschrieben.

Zudem hätten sie auch Anfragen für die Insektenzucht in leerstehenden Gebäuden im Oderbruch sowie der Lausitz. Denkbar ist hier zum Beispiel die Nutzung von Abwärme aus der Industrie. Ob es so weit kommt, ist jedoch noch unklar.

Sicher ist sich Wilisch aber, dass Insekten als Nahrungsmittel eine Zukunftsidee sind. „Das Thema ist im Kommen“, weiß er. Die Menschen seien dem Verzehr gegenüber nicht abgeneigt. Das zeige auch der aktuelle Ernährungsreport vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Danach können sich immerhin ein Drittel der Befragten diese proteinreiche Nahrungsquelle vorstellen.

„Unsere Vision ist klar: Wir wollen eine Welt, in der essbare Insekten Teil des europäischen kulinarischen Erbes werden“, so das Ziel von Native Foods laut Website. Ganz nach dem Unternehmensmotto „Snack the future“.

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