Mit dem „Zentrum für Dialog und Wandel - flankiert die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Lausitz das Ende des Braunkohle-Tagesbaues | 17.05.2019 | Ulf Buschmann

Moderator in unsicheren Zeiten

„Zentrum für Dialog und Wandel“ – hinter diesem etwas sperrigen Namen steht das Bemühen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Lausitz, die vom Ende des Braunkohle-Tagebaues betroffenen Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Und das gilt nicht nur in den unterschiedlichen Landstrichen der Lausitz. Vielmehr geht der Bruch wegen des Strukturwandels quer durch Familien.

Burkhard Behr kennt den Südosten Deutschlands wie seine Westentasche. Davon zeugt eine Karte, die mit Stecknadeln in unterschiedlichen Farben übersät ist. Die meisten Nadeln stecken rund um Cottbus, andere in Hoyerswerda und Berlin. „Die Nadeln dokumentieren die Gespräche, die ich in den vergangenen eineinhalb Jahren geführt habe“, sagt Burkhard Behr. Der Pfarrer war bis Ende März Leiter des „Zentrum für Dialog und Wandel“ der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Lausitz an der Kirchstraße 1 im Cottbuser Ortsteil Kahren. Seine Stelle wird demnächst neu besetzt. „Burkhard Behr hat sich nach eineinhalb Jahren Einsatz in der Lausitz aus persönlich Gründen aus dem Zentrum und aus dem Pfarrdienst verabschieden. Den Strukturwandel als Kirche zu begleiten – diese Aufgabe bleibt indes weiter bestehen, und auch Burkhard Behr wird seine Leidenschaft für das Thema erhalten bleiben.

Mit dem „Zentrum für Dialog und Wandel“ begleitet die Landeskirche den Strukturwandel in der Lausitz. „Die Kirche ist als Moderatorin in unsicheren Zeiten gefragt“, meint Burkhard Behr. Diese Erkenntnis setzte sich schon vor rund zehn Jahren durch. 2009 hatte die Landessynode als oberstes Entscheidungsgremium den Ausstieg aus dem Braunkohle-Tagebau gefordert – für den Klimaschutz. Das habe der Kirche eine ganze Reihe von Austritten beschert, erinnert sich Burkhard Behr. Denn, so die damalige Sichtweise einiger Kirchenmitglieder in der Braunkohleregion, die Kirche trage mit ihrer Forderung dazu bei, dass die Arbeitsplätze der Menschen verlorengehen.
Riss durch die Familien

Die ungewisse Zukunft sorgt für eine enorme Zerrissenheit. „Das geht quer durch alle Ebenen“, fasst der Burkhard Behr seine Erkenntnisse zusammen: „Ganze Dörfer sind zerstritten. Der Riss geht sogar quer durch die Familien.“
Ein offenes Ohr hatte die Landeskirche zuerst für die von Umsiedlungen betroffenen Menschen. Für sie war Pfarrer Matthias Bernd zuständig. Er war als sogenannter Braunkohlepfarrer bekannt geworden. Doch als Berndt in den Ruhestand ging, wurde seine Viertel-Stelle nicht wieder besetzt. Vielmehr wollten die Kirchenleute in Zukunft für alle vom Thema Braunkohle in der Region betroffenen Menschen da sein – also sowohl die von Umweltzerstörung und Abbaggerung betroffenen als auch für diejenigen, deren Lebensunterhalt an der Braunkohle hängt. Die Idee für das „Zentrum für Dialog und Wandel“ war geboren. Wenn man so will, als kirchliche Variante der vielfach beschworenen „just transition“.

Dialog mit Leidenschaft
Vor allem der Dialog war es, den Burkhard Behr in den 18 Monaten seiner Tätigkeit suchte. „Das muss man mit einer gewissen Leidenschaft betreiben“, blickt er zurück. Er weiß: Gespräche und das Zuhören sind. Dies gelte für Privatleute genauso wie Personen des öffentlichen Lebens. Von letzteren – Bürgermeister und Landräte etwa – erwartete die Bevölkerung, dass sie Ergebnisse liefern. Sprich: neue Arbeitsplätze. Burkhard Behr meint: „Sie stehen selbst unter Druck.“ Immerhin rechneten Experten mit 8.000 direkt vom Ende des Braunkohle-Abbaus betroffenen Arbeitnehmern. Daran dürften noch einmal rund 12.000 indirekt betroffene Arbeitsplätze hängen.
Immerhin kann Burkhard Behr im Namen der Landeskirche einige Erfolge vorweisen. Etwa die Wirtschaft betreffend: So habe die Kirche mitgeholfen, das Siemens-Werk in Görlitz zu erhalten. Für einen Sinneswandel beim Konzern habe unter anderem ein Gespräch zwischen dem Vorsitzenden der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, und Siemens-Chef Joe Kaeser gesorgt.
Förderung der Zivilgesellschaft

Auch die Förderung der Zivilgesellschaft hat einen „ganz hohen Stellenwert“ für die Landeskirche, erklärt Burkhard Behr. Diese ist nicht nur für den Pfarrer, sondern auch für die Vertreter der Lausitzer Perspektiven ein wesentlicher Aspekt, um die Lausitz für Einheimische, Zuzügler und Neuansiedler attraktiver zu machen. In vielen Gesprächen haben das Zentrum unter Burkhard Behr und Lausitzer Perspektiven ausgelotet, wie das konkret gehen könnte.
Herausgekommen ist der von beiden Seiten getragene und gemeinsam veröffentlichte Vorschlag für einen „Fonds Zivilgesellschaft Lausitz“. In ihn sollen knapp 1,8 Milliarden Euro einfließen – zehn Prozent der vom Bund für die Lausitz vorgesehenen Strukturhilfen. Geld gibt es zwar noch nicht, aber laut Burkhard Behr die „Einladungen an Akteure“, sich in diesen Prozess einzubringen. Mit ihnen möchten die Initiatoren darüber sprechen, wie konkret Vereine und Initiativen gefördert werden sollen oder können.

Die nächsten Schritte
Die Vorarbeiten hat Burkhard Behr gemacht. Jetzt sei die Zeit reif, auf allen Ebenen miteinander ins Gespräch zu kommen. Genau daran hapere es nämlich noch. Wenn die Beteiligten hingegen erst einmal miteinander sprechen würden, „tut sich alles andere von selbst“, meint der Geistliche. Und so schmerzlicher der Strukturwandel auch ist, so zeige er doch, dass die gerade Kirche für die Gesellschaft etwas tun kann. „Man macht hier eine vernetzende gesellschaftliche Arbeit.“ Dazu gehöre es auch, den Menschen die Wahrheit zu sagen – die heißt unter anderem, dass es sicherlich keine 8.000 neuen Industriearbeitsplätze geben wird.

Parallelen zum Rheinischen Revier
Die vernetzende Rolle der Kirche sieht auch Jens Sannig, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Jülich. Dieser begleitet den Strukturwandel im Rheinland. Dort sei das absehbare Ende der Riesenbagger derzeit ebenfalls ein „Thema, das bewegt und polarisiert“. Die dortigen Akteure suchen nach anderen Wachstumspotenzialen in der Region, um den Verlust der Industriearbeitsplätze aufzufangen. Dazu gehöre zum Beispiel mehr Natur und mehr Lebensqualität. Festgehalten wurde ihr Konzept mit dem Titel „Lebensraum Rheinisches Revier – gutes Leben und gute Arbeit“. Die Autoren sprechen von einem „visionären Ansatz“ – der allerdings ohne Bürgerbeteiligung nicht funktioniert.

Auch wenn die betroffenen Menschen das alles nicht wirklich witzig finden, so hat Sanning für die Rheinische Region doch „eine gewisse Aufbruchstimmung“ ausgemacht. Die Leute wollten die Empfehlung der Kohlekommission umsetzen. Diesbezüglich habe das Rheinland bessere Voraussetzungen als die Lausitz, glaubt Sanning: „Wir liegen in einer Wissenschaftsregion.“

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