Toleranz und Weltoffenheit entstehen aus der kulturellen Bildung - Soziokulturelle Einrichtungen begleiten den gesellschaftlichen Wandel | 01.08.2019 | Antje Preuschoff

Sozio-Kultur ist ein "Change Maker"

Drei Städte in der Lausitz, drei soziokulturelle Einrichtungen, drei unterschiedliche Arten auf den gesellschaftlichen Wandel zu reagieren: Die Kulturfabrik Hoyerswerda, der Kulturhof Lübbenau und das Glad-House Cottbus. Alle bewegen sich dabei im gleichen Umfeld: Abwanderung, Überalterung, kaum Jugendnachwuchs, Zulauf für extremistische Parteien und gefühlte „Depression“ bei der Bevölkerung.

Kulturfabrik Hoyerswerda
Kultureinrichtungen sind „weiche Standortfaktoren“, wie es so schön heißt. Und in die wird in der Lausitz durchaus investiert, zeigt sich. „Erstaunlich, dass eine Stadt mit so einer starken Schrumpfung soviel Infrastruktur vorhält“, findet Kulturfabrik-Geschäftsführer Uwe Proksch. Er verweist auf die große Vereinslandschaft, Einrichtungen wie das städtische Spaßbad, die Lausitzhalle, das Schloss, Museen oder den Tierpark in Hoyerswerda. „Eigentlich gibt es hier jeden Tag was“, sagt er.

Einen erheblichen Anteil an diesem Angebot hat die Kulturfabrik (Kufa). Seit 2015 bildet der 1990 gegründete Verein den Kern des Bürgerzentrums in Hoyerswerdas Altstadt. Sechs Millionen Euro sind in das alte Haus an der Braugasse 1 samt gläsernem Anbau investiert worden. Die Kufa teilt es sich als Betreiber mit dem Kinder- und Jugendzentrum Natz e. V. und der Touristen-Information. „Wir haben damals Wert darauf gelegt, dass das Haus Bürgerzentrum heißt und nicht Kulturfabrik, um es niedrigschwellig für die Bürger nutzbar zu machen“, berichtet Uwe Proksch. Der Verein wolle Orte und Möglichkeiten schaffen, von denen die Leute sich angesprochen fühlen. Der Kufa-Chef erklärt: „Wenn jemand mit einer Idee kommt, unterstützen wir ihn fast bedingungslos.“

Schon früh hat der Verein es verstanden, so etwas wie Zivil-Gesellschaften zu bilden. Auch als Reaktionen auf die „braune Kultur“, so Proksch, die Hoyerswerda insbesondere seit den Ausschreitungen 1991 anhängt. Die Kufa-Leute haben unter anderem die „Initiative Zivilcourage“ mitbegründet. Sie haben sich Anfang 2000 daran gemacht, Projekte im öffentlichen Raum zu machen, etwa Theater in einer leerstehenden Kaufhalle oder Picknickfeste. „Bürgerbewegungssachen“, nennt es Uwe Proksch. Fast reduziert er mit dieser Wortwahl die Strahlkraft der Kufa-Projekte. Etwa die des Tanzprojektes „Tanzcompagnie“. Es zählte zuletzt 120 Mitwirkende im Alter von 18 bis 70 Jahren. 1000 Besucher schauten sich die Inszenierung vor Ort an. Der Dokumentarfilm „Wenn wir erst tanzen“, erzählt davon. Er wurde unter anderem beim FilmFestival in Cottbus gezeigt, Ausstrahlungen in Schwerin und München sollen folgen. „Das geht nach außen und hilft, das Image der Stadt durch Kunst- und Kulturprojekte zu verändern“, weiß Uwe Proksch.

Der Kulturfabrik Hoyerswerda sei gegründet worden, „weil wir zu alt geworden sind für Jugendarbeit“. „Wir waren nie ein Jugendzentrum“, betont Uwe Proksch. Aber wer 30- bis 50-Jährige als Zielgruppe hat, kümmere sich automatisch auch um den Nachwuchs. Denn wenn Erwachsene mit kleinen Kindern Hoyerswerda für lebenswert erachteten, blieben sie auch in der Stadt.

„Wir müssen die Eltern andocken“, so Proksch. Das geschehe über Familienangebote, das Kinderkino oder auch die Kinderkrabbelgruppe. Zusätzlich aber auch mit der Aufenthaltsqualität in Bistro und Bar „Auszeit“ in der Kulturfabrik. Dort gibt es nicht nur Mittagessen und Veranstaltungsgastronomie, sondern auch „After-Work-Partys mit DJ und Live-Musik“. In Hoyerswerda gebe es keine große Kneipenlandschaft und auch nur eine kleine Szene freier Künstler. Es fehle an „Ausgehkultur“. Die wird in der Kufa entwickelt. „Wir haben den Anspruch, Kultur schaffen zu wollen. Da haben wir Freude dran“, hebt Uwe Proksch hervor.

Kulturhof Lübbenau
Mit der gleichen Intention wie die KuFa-Kollegen in Hoyerswerda sei auch der Verein Kulturhof Lübbenau 1996 angetreten, berichtet Vorstandsmitglied Ingo Schiege. 1996 haben die Mitglieder eine ehemaligen Betrieb umgebaut, wie er typisch für die Lausitz war – eine frühere Gurkeneinlegerei. Sie wollten Konzerte und Lesungen anbieten. Als Reaktion darauf, dass durch die „Wende viele Angebote weggebrochen sind“. 2000 mussten sie aus dem Gebäude raus. Weil die Nachbarn sich vom Lärm gestört fühlten.

Dann entdeckten die Mitglieder die alte Kantine am Bahnhof Lübbenau. Und die Stadt engagierte sich. Sie kaufte das Gebäude und sanierte es – so dass der Kulturhof dort miet- und nebenkostenfrei agieren kann. Die Stadt finanziert zudem eine Mitarbeiterin für die Verwaltungsarbeiten. Das Gebäude steht in einem beeindruckenden, alten Ensemble aus Bahnhofsgebäuden. „Die neue Stätte hat uns langfristig gerettet“, vermutet Ingo Schiege. Die technische Ausstattung mit Licht und Ton sei modern und absolut ausreichend.

Das Team vom Kulturhof Lübbenau arbeitet hier in unmittelbarer Nachbarschaft zur „Bunten Bühne“ und dem Verein Lübbenau-Brücke. Sie bilden das Kulturzentrum „Gleis 3“. „Die jeweiligen Vereinsziele sind so unterschiedlich, dass eine Zusammenarbeit nur punktuell passieren kann“, sagt Ingo Schiege. Unter anderem gab es ein Kinderkunstfestival mit Kindern aus der polnischen Partnerstadt, das die drei zusammen organisiert und durchgeführt haben. Ansonsten sprechen sich die Vereine ab, um Konkurrenzveranstaltungen zu vermeiden, berichtet Ingo Schiege.

Die 25 Vereinsmitglieder vom Kulturhof Lübbenau arbeiten ehrenamtlich. Die Mitglieder ziehen die regelmäßigen Konzerte ganz allein durch. Bei den Gagen muss auf die Finanzierbarkeit geachtet werden. Die „ganz Großen sind dabei nicht drin“, so Schiege. Aber in diesem Jahr schauten dennoch schon Musiker aus Neuseeland, Russland oder Schweden vorbei.

Das Programm sei mittlerweile stark „metallastig“, weil das am meisten nachgefragt werde. Der Kulturhof habe sein Stammpublikum. Maximal 100 Leute passen in den Konzertsaal. Die Besucher kämen aber nicht nur aus Lübbenau, sondern aus den umliegenden Orten. Sogar Berliner machen sich bisweilen auf zu den Konzerten nach Lübbenau. In der Regel sind es über 40-Jährige. „Die Jugend haben wir irgendwann verloren“, sagt Ingo Schiege. Dafür sei das Alternativangebot in Lübbenau allerdings groß genug.

Glad-House Cottbus
Kulturelle Angebote für Kinder und Jugendliche sind dagegen Hauptfokus im „Glad House“ Cottbus. Von den drei Einrichtungen ist es die einzige, die Eigenbetrieb der Stadt ist. Das Glad-House wird dementsprechend mit Geld für Personal und Investitionen ausgestattet. Der Anspruch der Einrichtung, so Leiterin Hendrikje Eger, liege auf kulturellen Angeboten für die Heranwachsenden. „Die Jugend soll hier erleben, wie Kultur gemacht wird und sich in Projekten abarbeiten“, erklärt sie.

Das Glad-House hat eine lange Tradition. Schon in der DDR war es „Klubhaus der Jugend“. Hendrikje Eger ist sich sicher, dass „hier jeder mal war, der hier aufgewachsen ist“. Heute sei die Einrichtung die größte ihrer Art im südlichen Brandenburg. Ein inhaltlichs Dreigespann prägt die Bandbreite der Veranstaltungen. Das Veranstaltungsbüro kümmert sich laut Hendrikje Eger um die „fetten Brocken“ wie Konzerte und Partyreihen. „Cottbus war so ein Ort, wo viel Musik gemacht wurde“, weiß Hendrikje Eger. „Die Szene hat Interesse, das wieder zu installieren“. Dafür wolle das Glad-House die Struktur anbieten.
Zweites inhaltliches Standbein ist das nichtkommerzielle, kommunale „Obenkino“. Es zeigt fast jeden Tag einen „Schatz an Filmen“. Auch hier will Hendrikje Eger noch eins draufsetzen. Sie will gezielter die jüngere Zielgruppe anzusprechen: Sie möchte die Zusammenarbeit mit Schulen fördern und die Inhalte stärker medienpädagogisch aufbereiten lassen.

Der dritte Part ist die Literaturwerkstatt. Die sei „klein, aber fein“. Denn hier treffen sich kreative Schreiber jedes Alters. Dabei entstehen auch Texte aus aktuellen politischen Inhalten heraus. Etwa, wenn sich Kinder literarisch mit Greta Thurnberg auseinandersetzen.

Hendrikje Eger ist es nicht nur wichtig, die Bereiche ihres Hauses miteinander zu vernetzen. Sie will auch das Netzwerk kommunaler Einrichtungen in Cottbus stärken. Durch die Zusammenarbeit mit Schulen oder Trägern der Kinder- und Jugendhilfe möchte sie den jungen Menschen „bewusst zu machen, was in der Stadt möglich ist“.
Hendrikje Eger wünscht sich das Glad-House als einen offenen „Ort der Beteiligung für Kinder und Jugendliche“. Hier sollen sie sich austauschen, selbst ausprobieren und den „Wert von Kultur kennenlernen“. „Toleranz und Weltoffenheit entstehen aus der kulturellen Bildung“, ist sich Hendrikje Eger sicher. So gestärkt ließe sich gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen der Zukunft begegnen.

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