29.06.2019 Um den Wald wird noch gekämpft. Aber dahinter wartet die Zukunft

In Merzenich, Rheinisches Revier, hat man für Klagen über den Strukturwandel keine Zeit

Es ist das Dorf gleich hinter dem einstmals großen Wald. Wie ein schützender Riegel liegt er vor dem Dorf. Und es ist der Wald, der die Ortschaft Morschenich vor dem immer näher rückenden Tagebau trennt, jener berühmte, umkämpfte, belagerte Hambacher Wald.

Ob dieser Wald einen ausreichenden Schutz darstellt, um Morschenich tatsächlich vor der Abbaggerung zu bewahren, wird die politische Auseinandersetzung der kommenden Monate, das symbolträchtige Kräftemessen zwischen RWE und der Klimaschutzbewegung zeigen. Immerhin hat sich auch die Kohlekommission dafür ausgesprochen, den Wald möglichst zu bewahren.
Dabei kommt die Waldrettung für Morschenich in gewisser Weise schon zu spät, denn die Ortschaft ist eigentlich nur noch ein Geisterdorf – die meisten Wohnhäuser sind verlassen, die Kirche ist seit dem 15. Juni dieses Jahres entweiht, und ein Großteil der einstigen Bewohner ist in die Ortschaft Morschenich-Neu umgesiedelt. Morschenich im Sommer 2019 ist also gewissermaßen nur noch ein Schatten seiner selbst, eine Gebäudehülle ohne Menschen. Einerseits.

Andererseits könnte Morschenich noch eine große Zukunft bevorstehen. Der Mann, der eine ziemlich klare Vorstellung davon hat, heißt Georg Gelhausen. Der CDU-Politiker ist Bürgermeister von Merzenich, einer 10.000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Düren, zu der auch Morschenich gehört. Gelhausen führt durch die verlassene Ortschaft, vorbei an Häusern, deren Fenster mit groben Sperrholzplatten vernagelt sind, vorbei am Fußballplatz, dessen kleines Vereinsheim es vor Vandalismus zu schützen gilt. Neben der Aufgabe, sich um derlei Alltags- und Abwicklungsfragen in einem zum Abriss vorgesehen Ort zu kümmern, hat Gelhausen aber auch eine Vision für Morschenich entwickelt, die von Abriss und „Devastierung“ nichts wissen will. Oder sollte man von Visionen sprechen?

Einen überzeugenden Namen jedenfalls hat das Ganze schon: Bürgewald soll Morschenich künftig heißen, dann, wenn der Hambacher Wald erhalten bleibt, der Braunkohleabbau gestoppt wird und es keinen Grund mehr gibt, die 850 Jahre alte Ortschaft vom Erdboden verschwinden zu lassen. Der neue Name knüpft an eine uralte Flurbezeichnung an. Er passt hervorragend zu der Vision, die Georg Gelhausen entwickelt hat – denn es geht hierbei ja auch um Wald, darum, wie man Natur nutzen und zugleich schützen und bewahren kann. Und sicherlich auch um diejenigen, die mit ihrem Einsatz für den Erhalt des Hambacher Waldes eine Zukunft für Morschenich-Bürgewald überhaupt erst möglich gemacht haben.

Wie können sich Kommunen entwickeln, wenn der wirtschaftlich lukrative Abbau von Kohle nicht mehr tragbar ist, weil die natürlichen Systeme immer schneller in Gefahr geraten? Wie lässt sich lokale Wertschöpfung aufbauen, die der Logik geschlossener Wertstoffkreisläufe folgt? Wie lassen sich die deutschen Erfahrungen mit Strukturwandel, Bergbauausstieg und Rekultivierung auf andere Regionen übertragen, die vor ähnlichen Aufgaben stehen? Für all diese Fragen soll Bürgewald zu einem internationalen Ort des Lernens und des Dialogs, der Bildung und der Forschung werden. Und das umgesiedelte, aber erhalten gebliebene Dorf bildet dafür einen gewachsenen Rahmen, der neu gefüllt wird, und zwar an ganz realen Orten: So soll aus der am 15. Juni 2019 entweihten Kirche Sankt Lambertus ein Veranstaltungszentrum werden, im Verbund mit einer neu zu errichtenden internationalen Begegnungsstätte mit Hostel für Schüler und Studenten zum Thema Umwelt, Landschaft, Klima und Öko Effizienz. Die ehemalige Kita soll ein Tagungshaus werden. Und ein früherer landwirtschaftlich genutzter Vierseithof soll zu einer Field Lab des renommierten Forschungszentrums Jülich für „marginal fields“ werden. Hier also sollen Forscherinnen und Forscher der Frage nachgehen, wie Landwirtschaft an Standorten mit Extrembedingungen in Hinblick auf Bodenqualität und Klima gelingen kann.

Alles eingebettet in einen großen Forschungsverbund, der sich unter der Überschrift „Bioökonomie“ damit beschäftigt, wie schrittweise eine Wirtschaft entstehen kann, in der nachwachsende Rohstoffe an die Stelle von Erdöl, Erdgas und Kohle treten.
Und vielleicht wird eines Tages etwas so Rundes aus dieser Sache mit Bürgewald, mit der symbolhaften und gleichzeitig realen Strukturentwicklung weg von den Fossilen und hin zu etwas Neuem, dass Merzenich der einst sogar zum Austragungsort einer UN-Klimakonferenz werden könnte? „Ich habe das jedenfalls mal in den Raum gestellt,“ sagt Bürgermeister Gelhausen dazu, und das Lächeln in seinem Gesicht verrät, dass er selbst die Idee irgendwo zwischen Chuzpe und visionärer Zukunftsorientierung sieht.

Doch zurück zum Sportplatz in Morschenich, zurück vor die sonnenbeschienene Pforte von Sankt Lambertus: Wer Georg Gelhausen dort in der Stille eines verlassenen Ortes über die Zukunft seiner Gemeinde sprechen hört, bekommt Lust auf die ersten Tagungen und Workshops in der ehemaligen Kindertagesstätte. Und eine der ersten Veranstaltungen in dieser Morschenisch-Bürgewalder-Ex-Kita könnte vielleicht heißen: „Wie Rheinische und Lausitzer Kommunen sich beim Kohleausstieg gemeinsam auf den Weg gemacht haben.“

Autor: Carel Mohn

Eine detaillierte Übersicht der Projekte, mit der die Gemeinde Merzenich die Strukturentwicklung im Rheinischen Revier gestalten will, ist hier zu finden.

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